Die Reise nach Analogistan ist noch nicht am Ende und so hüpfe ich ein wenig zwischen den Kameras und Filmformaten – wobei an der Stelle gesagt sei, dass ich an dieser Stelle „irgendwie so in diese ‚Situation‘ geraten bin“.
Aber lasst mich am Anfang beginnen!
Die Reise der Rolleicord
Drüben im „Fotoklub“, dem Fotografie tut gut Freundeskreis, machte sich eine Rolleicord aus den 1950er Jahren auf die Reise. Von Ratingen in die Welt! Oder zumindest durch Europa.
Während die Kamera durch einen großen Teil der Republik, nach Dänemark und nach Österreich wanderte hatte ich garkeinen Gedanken dahingehend investiert, dass sie auch mal zu mir kommen könnte – die Reise hatte ja schon begonnen, bevor ich Teil des Freundeskreises war.
Wenn man im Freundeskreis ist, lernt man schnell, dass der Gedanke nicht Teil von irgendetwas zu sein, nur weil man noch nicht dabei war, völlig deplatziert ist, man ist einfach Teil des Ganzen. Und so kam es, wie es kommen musste, meine Unsicherheit, ob ich diese Kamera überhaupt bei mir haben wollte, die ich mit „Wenn wirklich niemand im Februar möchte, dann würde ich…“ und schon war ich Teil der Reise.
Toller Kasten – aber häh? wie soll das gehen?
DHL klingelte an der Tür und überreichte mir ein Paket. Versehen mit vielen Klebestreifen unterschiedlichster Farbe, wie ein großer alter Koffer, der viel Patina seiner Reisen hatte. Um ehrlich zu sein war selbst das schon ein spannendes Gefühl.
Kaum angekommen wurde der Karton geöffnet, die Kamera inspiziert und nach dem Fehltritt des damaligen falschen Einlegens des ersten Kleinbildfilms erstmal YouTube bemüht, um herauszufinden wie denn dieser komische Rollfilm eingelegt würde. Von Dirk wusste ich, dass die Filmrolle quasi umgespult wird, vorstellen konnte ich es mir dennoch nicht. Dankenswerterweise lag dem Paket ein „Testfilm“ bei, der einzig und allein dazu diente, das Einlegen des Films zu üben.
Long story short: es war einfacher als erwartet, wenngleich ich zunächst dachte, dass ich bis zum ersten Bild schon die ganze Filmrolle abgewickelt hätte.
Die externe Belichtungsmessung verständlich zu bedienen, die Einstellungen an der Kamera sehr einfach, also was soll schon schiefgehen? Auf gehts 🙂
Fehlende Auslösegeräusche im Harz
Mit zwei Filmen im Gepäck (einem Lomography Metropolis und einem ilford FP4) geht es für einen Kurztrip in den Harz. Schon zu Hause den Metropolis Film eingelegt, da ich hier sehr angetan von den Vorschaubildern war und mal ehrlich – was soll man an dieser Kamera schon nicht verstehen? Keine unübersichtlichen Menüs, keine Autofokusthemen, alles manuell, easy! Insbesondere nachdem ich ja schon die Belichtungsmessung ausprobiert habe, das höchste Maß an Elektronik, die dabei ist. Dazu das Motto von Tim Taylor „Real men don´t need instructions“ und schon kann es losgehen.

Angekommen, Kamera raus, raus auf den Balkon und das erste Testbild machen. Auslöser gedrückt und nur kurz gehadert, wegen des ausbleibenden Auslösegeräuschs. Da ich den Auslöser zuvor nicht getestet habe, erstmal keine Gedanken dran verschwendet – wird schon richtig sein…
Raus gehts, den Kasten auf die Schulter und das Wetter genießen, dazu fotografieren. Voller Vorfreude auf die spannenden Farbbilder wurde der Film auch voller, bzw. belichteter, mit jedem Bild jedoch stieg gleichzeitig ein gewisses Unbehagen.
Es kann doch nicht sein, dass der Auslöser so unglaublich leise ist…
Was tun? Smartphone raus, Dirk anschreiben. Dirk antwortet, dass das Auslösegeräusch leise sei, aber definitiv zu hören. Michael angeschrieben, der Verzweiflung nahe und dann die Gewissheit: Der „Auslöser“, den ich gedrückt(!) habe war lediglich die Verriegelung des Filmtransports. Ergo habe ich den Film fleißig weitertransportiert, den Verschluss aber nicht ein einziges Mal geöffnet.
Meine Gedanken drehten sich um den Farbfilm, auf den ich so neugierig war, meine Historie auf dem Weg zur analogen Fotografie und der – ich nenne es mal so – Arroganz, dass diese Technik ja von alleine beherrscht würde und man sich nichts anschauen muss. Btw. lag dem Paket auch ein Buch bei, dem ich die ein oder andere Information hätte entnehmen könnten. Hätte, hätte, Fahrradkette…
Ein erneuter Rückschlag in meiner analogen Reise, aber ich habe ja noch einen Film, also Augen zu und durch, schnell den Film zu Ende spulen und fertig.
Die ersten Belichtungen
Der zweite Film verließ den Balkon dann nicht mehr und die 12 zur Verfügung stehenden Bilder wurden dann innerhalb von wenigen Stunden komplett durchbelichtet.



Kleiner gedanklicher Zeitsprung: die Tatsache, dass ich mit der Rolleicord die 4-Wände nicht mehr verlassen habe führte zu einem kurzen Enttäuschungsfaktor, als ich die Scans dann auf dem Bildschirm sah: ich fand die Motive langweilig. Langweilig weil es vor Ort „daily View“ ist, mit etwas Abstand relativiert sich diese Enttäuschung dann glücklicherweise und kippt eher in die Richtung, dass man da gegebenenfalls vielleicht doch erneut mal mit einer zweiäugigen Kamera losziehen müsste.
Die Laborzerstörung
Seit ich meine Reise angefangen habe, sende ich meine belichteten (oder auch mal unbelichteten) Filme nach Kleve zu urbanfilmlab. Nicht selten gab es einen Hinweis seitens des Labors in der Nachricht mit meinem Downloadlink. Nachdem ich diesen Hinweis bei der Vernissage der Bilder der Reise der Rolleicord im Rahmen des FTG Freundeskreises mit aufhing kam die Sorge auf, dass in Kleve ein Alarm losgeht, wenn dort einer meiner Filme zum Entwickeln eingeht. Vielleicht muss ich mir mal was überlegen, wie ich diesem potenziellen Extraaufwand gerecht werde – im Idealfall gibt es den dann nicht mehr.
HINWEIS: Wie du sicherlich auch selbst bemerkt hast, war der Lomo Film leider nicht ganz in Ordnung. Wir mussten vor der Entwicklung leider einen Großteil des Films abtrennen, da der Film sonst in dem Zustand wie er war, sich in unserer Maschine verkanten würde und diese zzgl. weitere Kundenfilme vermutlich zerstören würde.
Aus der Mail von urbanfilmlab
Sicherlich hatte sich der Film beim Spulen in deiner Kamera massiv verkantet.
Das Beweisbild war dann direkt im Downloadordner dabei :

Die Frage nach dem „Wie kann das passieren?“ musste und konnte ich mir dann selbst beantworten:
Nachdem der FP4 Film voll war und die Enttäuschung über den nicht belichteten Metropolis Film noch vorhanden war kam mir die glorreiche Idee – der Film wird von einer auf die andere Spule umgewickelt, das kann ich doch einfach nutzen, oder? Mangels Wissen und Geduld das in Erfahrung zu bringen legte ich den Film nicht nur wieder ein sondern spulte ihn nochmal um, um ihn dann einzulegen. Beim weitertransportiert wirkte es etwas hakeliger, aber noch hatte ich keine Sorgen, mir fehlte ja die Erfahrung und ich dachte „das sei halt so“.
Nunja, am Ende ist glücklicherweise nichts passiert, außer, dass der Film nicht entwickelt werden konnte. Daher nochmal ein großes Danke und Sorry an urbanfilmlab!
Was ich gelernt habe
Wie so häufig auf der Reise gibt es vieles lehrreiches, vielleicht hilft es euch gedanklich darauf vorzubereiten, wenn ihr auch mal mit einer diesen wirklich tollen Kameras auf Reise gehen wollt.
- Der Sucher: ein tolles, klares Bild, die Lupe hilft beim Fokussieren nur sobald man versucht den Bildausschnitt durch Bewegung zu verändern beginnt sich ein Knoten im Kopf zu bilden – nichts ist wie es scheint, aus links wird rechts, aus unten wird oben. Hat man den Dreh einmal raus ist es einfach, beim ersten Mal zweifelt man jedoch an Zeit, Raum, den Grundzügen der Physik..
- Die vielen Rädchen und Schieber: am Ende ist es eine Mechanik, die darauf ausgelegt ist, dass jedes Bauteil genau einen Zweck hat – der Filmvorschub lässt sich drücken, entriegelt aber eben nur diesen, um genau bis zum nächsten Bildbereich auf dem Filmstreifen zu transportieren, der Auslöser löst nur aus, die Blendeneinstellung ändert nur die Blendenöffnung, usw. Hätte ich mir dieses vorher vor Augen geführt, hätte ich definitiv nicht erwartet, dass der Metropolis belichtet worden sei
- Auch Schnappschüsse sind möglich: zugegeben, es ist keine Pocket-Cam, aber auch hier sind kurze Belichtungszeiten möglich und wenn der Abstand zum Motiv halbwegs stimmt, dann passt es auch meist mit der Schärfe. Es ist nicht notwendig ständig mit einem Stativ, egal welcher Größe, herumzurennen
Mal schauen, ob das ein einmaliges Erlebnis war oder was da noch so kommen wird.
Danke an Michael für die Organisation der Reise und natürlich an Falk für die Leihgabe der Rolleicord.
Habt ihr Erfahrungen mit dem analogen Mittelformat? Wenn ja, wie steht ihr dazu, wenn nein, könntet ihr euch vorstellen das mal zu testen?
11 comments
Comment by Michael Koopmann
Michael Koopmann 28. März 2025 at 10:28
Diese Kamera ist einfach toll und hat echt viel Spass gemacht.
Und ich freuen mich immer wieder über neue Stories deiner Ausflüge nach Analogistan. Ich möchte das irgendwann als Buch haben 😉
Comment by Stefan
Stefan 28. März 2025 at 10:29
Danke, Michael!
Vielleicht schaffe ich es ja mal – dann muss ich im Crowdfunding nur genug Interessenten finden 🙂
Comment by Aurelia
Aurelia 28. März 2025 at 14:56
Spannend, mit solch einer Cam hab ich noch nicht hantiert.
Comment by Stefan
Stefan 28. März 2025 at 16:50
Wenn du mal die Chance bekommst, probier es unbedingt mal aus! 🙂
Comment by Florian
Florian 28. März 2025 at 12:33
Hallo Stefan, ich kann mich da nur anschließen und würde mich sofort auf Deine Buch Crowdfunding Liste setzen. Macht viel Spaß, mitzulesen.
Liebe Grüße Florian
Comment by Stefan
Stefan 28. März 2025 at 13:25
Hallo Florian,
ganz, ganz lieben Dank! Sollte es dazu kommen, werde ich hier berichten 🙂 Spaß daran hätte ich definitiv.
Liebe Grüße
Comment by Jürgen Libertus
Jürgen Libertus 28. März 2025 at 15:29
Hallo Stefan,
Ich habe ein gegrinst, als ich deinen schönen Bericht gelesen habe.
Meine Yashica ist deiner Rolleicord recht ähnlich, und ich kann dir sagen deine Probleme waren bzw. sind auch immer noch meine Probleme. Einen Film habe ich auch mal falsch eingelegt und kaputt gemacht, das sich freuen über das schöne Sucherbild sowie das irritiert sein, weil in diesem Sucher rechts eben nicht immer rechts ist. und und und. Habe ich manchmal darüber nachgedacht und liebe das olle Ding immer noch heiss und innig. Einfach weitermachen, aus Fehlern wurde ich auch klug. Also häufig. 😉
grüße,
Jürgen
Comment by Stefan
Stefan 28. März 2025 at 16:52
Hallo Jürgen,
das freut mich, sowohl das Grinsen, als auch die Tatsache, dass ich nicht alleine bin mit den Herausforderungen der Kamera 🙂
Ich habe schon eine Leihgabe angeboten bekommen, es wird also weitergehen 🙂
Wird alles etwas dauern, aber ich bleibe am Ball
Viele Grüße
Comment by Holger
Holger 28. März 2025 at 15:38
Schöner Bericht und … lustig 😀 Für mich wäre das glaube ich aber nichts… Ich habe hier noch immer eine analoge Kamera mit eingelegtem Film im Schrank liegen und irgendwie wird der Film nicht voll… Aber jetzt habe ich wenigstens eine Idee, wohin ich ihn schicken kann, wenn er mal voll ist 😉
Comment by Stefan
Stefan 28. März 2025 at 16:55
Das war ja auch mein erster Gedanken. Jetzt komme ich nicht mehr von los.
Ich bin wirklich zufrieden mit dem Labor – oder dankbar, dass sie meine Pleiten, Pech und Pannen so freundlich begleiten 🙂
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